2/23 – NUR WANDERN

„Nur Wandern …“

Vier Tage im Verwall

Es ist nass und kalt draußen, Winter halt. Wir sitzen am warmen Ofen und planen den Sommer in den Bergen. Brenta ist die erste Idee, ein Teil des Bocchette Wegs. Ich lese nach. Tolle Landschaft mit Leitern und superschönen Aussichten. Ich mag Leitern, wirklich. Als elementarer Bestandteil von Haus- und Handwerksarbeiten unverzichtbar. Aber im Sommer in den Bergen? Anstehen und viele Leitern? Nein, eher nicht. Die Alternative: Das Verwall. Durch das netzartig ausgebaute Wegenetz gibt es zahlreiche Möglichkeiten von Hütte zu Hütte zu wandern. Schnell ist eine Abfolge mit einigen Gipfeloptionen gefunden. Besonders die letzte Etappe bietet mit dem Ludwig-Dürr-Weg einen tollen, interessanten Weg. Für die anderen Etappen bleibt da eine gewisse Skepsis. „Ist ja eigentlich nur wandern“. Es kam anders.

Nur langsam vertreibt die Sonne die dunklen Wolken über den Bergen. Die Luft hier, oberhalb des Zeinisjochs, ist erfüllt vom Duft der würzigen Alpenkräuter entlang des Steigs. Immer weiter windet sich der schmale Pfad in mäßiger Steigung bergan. Kaum haben wir die Baumgrenze überschritten, sehen wir die ersten Altschneefelder. Es hat noch spät geschneit in den Alpen und ein Hüttenwirt hatte schon dazu geraten zur Sicherheit Steigeisen einzupacken.

Über die Fädnerspitze zur Heilbronner Hütte

Beim Aufstieg zum Gipfel der Fädnerspitze sind wir froh über unsere GPS-Daten und einige Steinmännchen, denn die Wegmarkierungen, falls es welche gibt, liegen unter dem Schnee verborgen. Entsprechend suchen wir uns einen Weg nach den Kriterien Richtung und Machbarkeit.

Unterwegs treffen wir einen einzelnen Wanderer. Er war umgekehrt, weil er bei diesen Bedingungen nicht alleine zum Gipfel unterwegs sein wollte; daher schließt er sich uns gerne an und wir gehen zu fünft weiter.

Eine schöne Belohnung am Gipfel ist der Rundumblick über die teils winterlich anmutenden Berge in der Umgebung. Bis in die Silvretta reicht die Aussicht. Allerdings vermiest uns ein sehr scharfer Wind eine gemütliche Pause und so nehmen wir den vor uns liegenden Grat in Angriff, der uns nach Grießkopf und Grießkogel weiter zur Hütte führt.

Unterwegs erblickt man Schneefelder, soweit das Auge reicht. Der Schnee ist weich und reicht bis über die Knie und teilweise bis zur Hüfte, wie wir immer wieder feststellen. Spuren treten, weich gehen und gut schauen, dass man in der richtigen Richtung unterwegs ist und keine Felsabbrüche erwischt, sind die maßgebenden Dinge der nächsten Stunden.

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Unser Wanderer verlässt uns Richtung Tal und wir spuren uns weiter durch den Schnee. Auf dem GPS-Gerät sieht es so aus, als könnte die Hütte zu sehen sein, sobald wir die nächste Felsformation umrunden. Ohne Lesebrille können wir den angezeigten Maßstab des GPS-Gerätes nicht richtig erkennen Es kommt keine Hütte, aber dann, hinter DEM Felsen bestimmt; nein, auch nicht. So allmählich könnten wir Wetten abschließen, wie viele Felsen wir noch passieren müssen. Es wurden sechs, erst dann lag die Heilbronner Hütte einladend vor uns. Diese erweist sich eher als ein Hotel, denn als eine Hütte, zwar mit Trockenschränken, aber leider ohne Trockenmöglichkeit für die nassen Stiefel. Schade eigentlich. Dafür ist das Essen absolut großartig.

Wilde Wege zur Konstanzer Hütte

Das zweite Teilstück über den Bruckmannweg führt erst einmal wieder ordentlich bergauf. Die feuchte Luft bildet wunderschöne Nebel- und Wolkenfetzen an den gegenüberliegenden Bergflanken und am Boden nutzen zahlreiche Alpensalamander die sonnigen Abschnitte, um sich zu wärmen.

Am Wannenjöchli angekommen erwarten uns, welche Überraschung, Schneefelder. Die heutige Gipfeloption auf den Patriol, lassen wir der Wetterverhältnisse wegen aus.

Wieder muss ein steiler Hang gequert werden, auf dem zudem ein Lawinenrest o.ä. liegt, der mit einem provisorischen Schild versehen ist, dass man diesen rissigen Schneehaufen bitte umlaufen soll. Wird eine gute Idee sein. Heute, am zweiten Tag ist die Wegfindung und das Gehen im weichen Schnee schon routinierter, wir kommen deutlich zügiger voran als gestern.

Am Ende warteten hinter dem Bruckmannjöchli noch 1.000 Hm im Abstieg auf uns. Zwar versüßen hunderte blühende Alpenrosen den steinigen, steilen Abstiegsweg, aber irgendwann sind wir froh, auf dem Hüttenzuweg anzukommen und vor allem darüber, dass wir die Runde nicht andersherum gegangen sind.

DAV-Karte Verwall 1:50.000

Die Konstanzer Hütte hat eher etwas von einem Ausflugslokal mit Übernachtungsmöglichkeit und auch die Preise sind entsprechend. Alles, was wir probiert haben, war sehr lecker.
Leider gibt es auch hier einen Trockenraum, aber wieder nichts für die nassen Stiefel.

Wetter- aber kein Gipfelglück

Bereits für den Vormittag des nächsten Tages waren Regen und Gewitter angekündigt. Zum Glück hat sich das erste Regengebiet nach ein paar unmotivierten Tropfen verzogen und schon bald geht es im T-Shirt weiter die heutigen 1.000 Hm bergauf. Unsere Etappe ist eher kurz und bietet eine weitere Gipfeloption auf den Scheibler. Der Weg ist nicht zuletzt wegen der Scheeauflage wunderschön. Ein kleiner See mit umgebenden schönen Felsformationen lädt zum Verweilen ein, aber wir entscheiden lieber, zunächst bis zum höchsten Punkt weiterzugehen. Etwas erleichtert sind wir schon, als wir ohne Gewitter den höchsten Punkt, das Kuchenjöchli überschritten haben und gönnen uns eine Pause, in der uns sogar die Sonne wärmende Strahlen schickt. Auf den Gipfel verzichten wir, Gipfel im Gewitter will keiner.

Die vor uns liegende Kletterei absolvieren wir mit Ruhe, denn unsere nassen Stiefel verlangen auf den Felsstücken Konzentration, auch wenn die Wolken allmählich dunkler werden und zur Eile mahnen.

Über einige weitere teils steile Schneefelder geht es weiter bis zur Darmstädter Hütte. Steffi lässt es sich nicht nehmen, zumindest einmal die Füße in den hüttennahen See zu stecken.

Zusammen schaffen wir es gerade noch auf der neu angelegten Hüttenterrasse etwas zu bestellen, da fallen die ersten Tropfen. Perfektes Timing.

Innen ist es urig gemütlich. Endlich eine echte Berghütte. Der Hüttenwirt ist gut informiert und kennt sich aus, der Kuchen ist selbstgemacht und lecker, die verschiedenen Knödel ein Traum und die Stube ist warm und trocken. Hier lässt es sich gut aushalten.

Es kommt oft anders als man denkt

Der Ludwig-Dürr-Weg über Küchelferner und Schönpleisjoch zur Friedrichshafener Hütte, den wir für den letzten Tag geplant hatten, ist wie wir vom Hüttenwirt erfahren, zurzeit absolut unvernünftig. Wir könnten bei den Wetter- und Schneeverhältnissen von Glück reden, wenn wir den Weg zur nächsten Hütte überhaupt noch im Hellen schaffen, meint er. Das hört sich nicht nach einer sinnvollen Option an.

Umplanen ist die einzig vernünftige Lösung, denn keiner hat Lust auf ein unnötiges Risiko. Wir sagen mit Hilfe des Hüttenwirtes bei der letzten Hütte ab, auf der wir vor einem kurzen Abstieg noch hätten übernachten wollen und gehen stattdessen über das Seßladjöchli zur Niederelber Hütte und nach einem leckeren Kaiserschmarrn, den mehr oder weniger direkten Weg ins Tal.

Eine sehr gute Busverbindung verbindet die Talorte von Landeck bis hin zum Silvretta Stausee miteinander. Hier im Bus enden unsere vier gemeinsamen Tage im Verwall. Mit neuen schönen Erinnerungen an eine wirklich interessante Hüttentour, die alles andere als „nur wandern“ war, setzen wir nun getrennt voneinander unsere Bergferien fort.

Text: Lisa Surkamp

Fotos: alle

verwall.de